Wenn einem Glaubenssätze von früher in der eigenen Erziehung einholen.

„Kinder müssen nicht hart werden, um stark zu sein.“

„Wir wollen ja keine Weicheier erziehen!“

Dieser Satz ist heute bei uns zu Hause gefallen.

Und ich? Ich könnte bei diesem Wort an die Decke gehen.

WEICHEI.

Ich hasse dieses Wort.

Auslöser war eine alltägliche Familiensituation. Einem unserer Kinder ging es nicht gut und ich fand, dass eine kleine Pause durchaus angebracht wäre. Eine andere Sichtweise war, dass Kinder auch lernen müssen, unangenehme Situationen auszuhalten.

Und schon stand dieses Wort im Raum.

Aber was ist eigentlich ein Weichei?

Ein Kind, das weint? Ein Bub, der Angst hat? Ein Mensch, der sagt, dass ihm etwas zu viel wird?

Wir sind doch auch groß geworden. Oder?

„Stell dich nicht so an.“

„Da musst du jetzt durch.“

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“

„Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“

Kennen wir alle, oder?

Und irgendwie sind wir ja auch groß geworden. Selbstständig, verantwortungsbewusst und halbwegs lebenstauglich.

Aber haben uns diese Sätze wirklich stark gemacht? Oder haben wir einfach gelernt, unsere Gefühle besser zu verstecken?

Ich habe zwei Söhne. Natürlich möchte ich, dass sie selbstständige, mutige Männer werden. Dass sie mit Niederlagen umgehen können, Verantwortung übernehmen und nicht bei jeder Kleinigkeit aufgeben.

Aber seit wann schließt Stärke eigentlich Gefühle aus?

Und dann wundern wir uns über unsere Männer.

Wie oft beschweren wir Frauen uns darüber, dass Männer nicht über ihre Gefühle sprechen? Dass sie alles in sich hineinfressen und auf die Frage „Was ist los?“ mit einem knappen „Nichts“ antworten?

Aber was haben viele dieser Männer als kleine Buben gehört?

„Buben weinen nicht!“

„Sei kein Mädchen!“

„Du bist doch kein Weichei!“

Und plötzlich erwarten wir von ihnen, dass sie als Erwachsene über Ängste sprechen, Gefühle zulassen und sich verletzlich zeigen.

Wie sollen sie etwas zeigen, das sie jahrelang gelernt haben zu verstecken?

Natürlich betrifft das nicht alle Männer. Aber ich frage mich schon, welchen Anteil unsere alten Vorstellungen von Männlichkeit daran haben.

Ich wünsche mir für meine Söhne, dass sie einmal Männer werden, die über Gefühle sprechen können. Die sich entschuldigen, wenn sie jemanden verletzen. Die Empathie und Mitgefühl zeigen.

Und trotzdem lernen, dass das Leben nicht immer ein Wunschkonzert ist.

Gefühle sind keine Ausrede. Aber auch keine Schwäche.

Ich glaube, jedes Gefühl hat zunächst einmal seine Berechtigung.

Du bist traurig? Okay.

Du hast Angst? Verstehe ich.

Du bist wütend? Darfst du sein.

Aber das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten deshalb in Ordnung ist.

Du darfst wütend sein. Aber deshalb niemanden verletzen.

Du darfst Angst haben. Aber vielleicht schaffen wir es trotzdem.

Du darfst traurig sein. Aber manchmal müssen wir eben trotzdem weitermachen.

Gefühle ernst nehmen bedeutet nicht, Kindern jeden Stein aus dem Weg zu räumen.

Und genau da liegt für mich der Unterschied zwischen stark machen und hart machen.

Vielleicht sollten wir uns selbst öfter hinterfragen.

Ich ertappe mich schließlich auch dabei, wie ich manchmal denke: „Jetzt stell dich doch nicht so an!“

Alte Glaubenssätze verschwinden eben nicht einfach, nur weil man selbst Kinder bekommt.

Und ich möchte auch gar nicht alles anders machen als frühere Generationen. Durchhaltevermögen, Selbstständigkeit und Verantwortung sind Werte, die ich unbedingt weitergeben möchte.

Aber vielleicht dürfen wir aufhören, Empfindsamkeit mit Schwäche zu verwechseln.

Ich möchte keine Kinder erziehen, die bei jedem Problem aufgeben. Aber genauso wenig möchte ich Männer großziehen, die irgendwann glauben, Gefühle wären peinlich und Mitgefühl wäre etwas für Schwächlinge.

Ich möchte starke Männer. Mit Rückgrat. Mit Herz. Und mit der Fähigkeit, auch einmal zu sagen: „Mir geht’s gerade nicht gut.“

Denn vielleicht sollten wir weniger Angst davor haben, Weicheier zu erziehen – und mehr davor, Männer großzuziehen, die irgendwann Arschlöcher sind und nicht wissen, was Empathie und Mitgefühl bedeuten.


Und jetzt du:

Erziehen wir unsere Kinder heute zu weich? Oder haben wir früher einfach zu oft Stärke mit Härte verwechselt?

Ich bin gespannt auf deine Meinung. Auch wenn sie meiner widerspricht.

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