Sieben junge Männer. Eine Studentin. Schwere Vorwürfe sexueller Gewalt. Und eine Diskussion, die mich nicht mehr loslässt.
Der Fall der sogenannten „Cornell 7“ sorgt gerade für Schlagzeilen. Eine junge Frau erhebt schwere Vorwürfe gegen sieben Studenten einer amerikanischen Eliteuniversität. Zwei wurden nach einer universitätsinternen Untersuchung wegen sexueller Übergriffe ausgeschlossen, andere erhielten unterschiedliche Disziplinarstrafen. Strafrechtliche Verurteilungen gab es zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht.
Ich möchte hier aber weder über Gesetze noch über Staatsanwälte oder Universitäten urteilen. Das tun gerade viele andere. Und das ist wichtig und richtig.
Ich möchte über etwas schreiben, das mich fast noch mehr beschäftigt: uns. Unsere Gesellschaft. Unsere Kommentare. Und darüber, was wir unseren Kindern eigentlich beibringen.
Denn wenn ich unter Berichten über sexuelle Gewalt Kommentare lese wie „Warum war sie überhaupt dort?“, „Warum hat sie so viel getrunken?“ oder „Warum ist sie mit aufs Zimmer gegangen?“, frage ich mich ernsthaft, wann wir eigentlich begonnen haben, die Verantwortung derart zu verdrehen.
Warum müssen wir Mädchen ständig erklären, wie sie sich schützen sollen?
Pass auf dein Getränk auf. Geh nachts nicht alleine heim. Zieh dich nicht zu aufreizend an. Sei vorsichtig. Sag deutlich Nein.
Und unseren Jungs?
Was bringen wir eigentlich denen bei?
Ich bin eine Jungsmama. Und ich sehe mich in der Verantwortung.
Ich habe zwei Söhne. Und natürlich möchte ich, dass sie selbstbewusst, mutig und stark durchs Leben gehen.
Aber ich möchte vor allem, dass sie eines verstehen:
Ein Nein ist ein Nein. Schweigen ist kein Ja. Und nur weil jemand nicht mehr in der Lage ist, sich zu wehren, bedeutet das noch lange keine Zustimmung.
Wobei mir selbst das eigentlich zu wenig ist.
Ich möchte nicht, dass meine Söhne erst dann eine Grenze erkennen, wenn jemand ein riesiges rotes Warnschild davor aufstellt.
Ich möchte, dass sie lernen, Menschen wahrzunehmen. Unsicherheit zu erkennen. Körpersprache zu lesen. Nachzufragen. Und im Zweifel einfach nichts zu tun.
Denn Respekt beginnt nicht erst beim ausgesprochenen Nein.
Und dann hat mich ausgerechnet ein Liebesfilm zum Nachdenken gebracht.
Vor Kurzem habe ich einen neuen Film gesehen. Eine typische Universitätsromanze.
Der männliche Hauptdarsteller fragte die Frau immer wieder ganz selbstverständlich, ob er sie küssen dürfe. Ob das wirklich in Ordnung sei. Ob sie das auch wolle.
Und wisst ihr, was ich mir dabei gedacht habe?
Wow. Der fragt ja wirklich jedes Mal nach.
Und gleich darauf:
Moment mal. Warum fällt mir das eigentlich so auf?
Warum empfinde ich es als außergewöhnlich, wenn ein Mann sich vergewissert, dass eine Frau etwas wirklich möchte?
Warum ist das nicht längst so selbstverständlich, dass es mir überhaupt nicht auffallen würde?
Ich war ehrlich gesagt ziemlich erstaunt über mich selbst.
Denn offenbar sind auch in meinem Kopf Vorstellungen davon verankert, wie Annäherung zwischen Mann und Frau normalerweise abläuft. Und ein Mann, der ganz selbstverständlich nachfragt, fällt aus diesem Bild heraus.
Dabei sollte genau das doch normal sein.
Und nein, ich finde nicht, dass man vor jedem Kuss ein schriftliches Einverständnisformular ausfüllen muss. Aber gegenseitiges Interesse, Aufmerksamkeit und Respekt sollten doch das absolute Minimum sein.
Es beginnt nicht erst bei sexueller Gewalt.
Es beginnt viel früher.
Wenn ein Bub ein Mädchen ständig ärgert und wir lachend sagen: „Der ist halt verliebt.“
Wenn ein Mädchen Nein sagt und wir daraus ein Spiel machen.
Wenn Jungs glauben, sie müssten vor ihren Freunden beweisen, wie viele Mädchen sie herumkriegen.
Oder wenn wir bei einem übergriffigen Spruch einfach mitlachen, weil es ja „nicht so gemeint“ war.
Genau dort beginnt für mich Erziehung.
Und ja, natürlich können auch Mädchen Grenzen überschreiten. Natürlich können auch Jungs Opfer werden. Und natürlich ist nicht jeder Mann ein potenzieller Täter.
Darum geht es mir überhaupt nicht.
Es geht darum, welche Haltung wir unseren Kindern mitgeben.
Ich möchte nicht, dass Mädchen lernen müssen, ihre Getränke zu bewachen, ihre Kleidung zu überdenken oder nachts vorsichtshalber den Schlüssel zwischen die Finger zu nehmen.
Ich möchte, dass wir unsere Buben so erziehen, dass Mädchen all das irgendwann nicht mehr müssen.
Vielleicht ist das eine ziemlich große Vorstellung. Vielleicht sogar eine naive.
Aber ich finde, es wäre verdammt traurig, wenn wir uns nicht einmal mehr trauen würden, sie zu haben.
Und deshalb wünsche ich mir für meine Söhne nicht nur, dass sie selbst Grenzen respektieren.
Ich möchte Männer großziehen, die auch dann nicht wegschauen, wenn andere Grenzen überschreiten.

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