Vielleicht müssten wir uns dann seltener scheiden lassen.
Was ist eigentlich gerade los?
In meinem Bekanntenkreis wird getrennt, geschieden und fremdgegangen, dass ich mich langsam frage, ob ich irgendeine Einladung zur kollektiven Midlife-Crisis verpasst habe.
Liegt es am Alter? Sind wir jetzt in dieser Lebensphase angekommen? Die Kinder werden größer, der Alltag hat uns fest im Griff und plötzlich fragt man sich: War das jetzt alles?
Was mich besonders beschäftigt: Bei den Trennungen, die ich gerade mitbekomme, ist überall eine Affäre im Spiel. Mal geht er fremd, mal sie. Am Ende stehen oft zwei Menschen, die sich einmal geliebt haben, vor einem Rosenkrieg. Und mittendrin Kinder, die sich das alles ganz bestimmt nicht ausgesucht haben.
Und während ich darüber nachgedacht habe, ist mir ein ziemlich provokanter Gedanke gekommen:
Würden wir unsere Partner so behandeln wie unsere Affären, hätten wir vielleicht deutlich weniger Scheidungen.
Ja, ich weiß. Steile These.
Aber denkt einmal darüber nach.
Für eine Affäre hat man plötzlich Zeit. Und zwar nicht nur ein bisschen. Da werden Termine verschoben, Ausreden erfunden und Zeitfenster freigeschaufelt, die vorher schlicht nicht existiert haben.
Man macht sich hübsch. Man riecht gut. Man ist aufmerksam. Man hört zu. Man lacht. Man macht Komplimente.
Und den ganzen Alltagsfrust? Den lässt man schön zu Hause.
Zur Affäre bringt man die beste Version seiner selbst mit. Der eigene Partner bekommt währenddessen die müde, gestresste Version, die zwischen Wäschebergen, Einkaufslisten und Kinderterminen gerade noch ein „Was essen wir heute?“ herausbringt.
Ist das nicht eigentlich völlig absurd?
Versteht mich nicht falsch. Ich habe weder die Energie noch die Lust, jeden Abend frisch gestylt und mit einem verführerischen Lächeln auf meinen Mann zu warten. Und ich bin mir ziemlich sicher, er möchte das auch gar nicht. 😂
Aber warum schaffen wir es plötzlich, für einen anderen Menschen so viel Zeit und Aufmerksamkeit aufzubringen, während wir zu Hause seit Jahren behaupten, dafür keine Kapazitäten zu haben?
Vielleicht fehlt uns nicht immer die Zeit.
Vielleicht fehlt uns manchmal die Bereitschaft, sie füreinander freizumachen.
Und dann frage ich mich: Was ist eigentlich die Alternative?
Eine Scheidung?
Anwälte, Unterhalt, zwei Haushalte, Streit ums Geld, ums Haus, um die Kinder? Eine Patchworkfamilie, deren Organisation womöglich noch komplizierter ist als die des bisherigen Familienlebens?
Und vor allem: die emotionale Belastung für alle Beteiligten.
Natürlich kann eine Trennung die richtige Entscheidung sein. Manchmal ist sie sogar dringend notwendig. Nicht jede Beziehung ist gesund, nicht jede Ehe kann oder soll gerettet werden.
Aber ich frage mich, ob wir uns das Leben danach manchmal nicht ein bisschen zu einfach vorstellen.
Denn seien wir uns ehrlich:
Der Alltag verschwindet nicht, nur weil wir den Partner austauschen.
Am Anfang ist alles aufregend. Da ist jemand, der uns zuhört. Der uns Komplimente macht. Der uns ansieht, als wären wir das Interessanteste auf diesem Planeten.
Endlich wieder Schmetterlinge!
Hach. Das muss Liebe sein.
Vielleicht ist es das sogar.
Aber irgendwann stehen auch in dieser Beziehung dreckige Teller herum. Irgendwann nervt auch der neue Partner. Irgendwann kommen Müdigkeit, Verpflichtungen und schlechte Laune dazu.
Und was dann?
Suchen wir uns wieder jemanden Neuen?
Liebe ist keine Entscheidung, die man einmal trifft und dann abhakt.
Mein Mann und ich sind seit 23 Jahren ein Paar.
Wir waren 17 und 18, als wir uns verliebt haben.
Sind wir heute noch dieselben Menschen?
Bei Gott, nein! Und das ist auch gut so.
Wir haben uns verändert. Unsere Wünsche, unsere Vorstellungen vom Leben, unsere Prioritäten. Wir sind erwachsen geworden, haben eine Familie gegründet, Herausforderungen gemeistert und uns immer wieder neu kennenlernen müssen.
Und genau darin liegt für mich eine der größten Herausforderungen einer langen Beziehung.
Sich selbst weiterzuentwickeln, ohne sich dabei als Paar zu verlieren.
Denn die Gefahr, sich unterwegs zu verirren, ist riesig.
Nur weil man sich einmal füreinander entschieden hat, heißt das noch lange nicht, dass man automatisch für immer zusammenpasst.
Eine Beziehung braucht Arbeit. Richtige Arbeit.
Und damit meine ich nicht, dass man jeden Abend bei Kerzenschein tiefgründige Gespräche führen muss.
Manchmal bedeutet Beziehungsarbeit einfach, einander wieder zuzuhören. Sich füreinander zu interessieren. Nicht jede Schwäche des anderen als persönliche Zumutung zu betrachten.
Und vielleicht auch einmal zu fragen: Wann habe ich meinem Partner eigentlich zuletzt dieselbe Aufmerksamkeit geschenkt, die ich einem neuen Menschen ganz selbstverständlich schenken würde?
Ich behaupte nicht, dass mein Mann und ich das alles perfekt machen. Ganz bestimmt nicht.
Und ich weiß auch nicht, wo wir in zehn oder zwanzig Jahren stehen werden.
Aber nach 23 gemeinsamen Jahren glaube ich eines verstanden zu haben:
Es reicht nicht, sich einmal ineinander zu verlieben. Man muss auch bereit sein, sich immer wieder füreinander zu entscheiden.
Nicht um jeden Preis. Nicht aus Angst vor einer Scheidung. Und schon gar nicht nur wegen der Kinder.
Sondern weil man diesen Menschen an seiner Seite haben möchte. Auch dann, wenn die Schmetterlinge gerade Pause machen.
Und deshalb lässt mich eine Frage nicht los:
Laufen wir heute manchmal zu schnell vor einer Beziehung davon, anstatt uns der verdammt anstrengenden Arbeit zu stellen, die eine lange Liebe nun einmal mit sich bringt?
Oder merken wir manchmal einfach zu spät, dass wir längst aufgehört haben, uns umeinander zu bemühen?
Vielleicht sollten wir uns diese Fragen stellen, bevor jemand Neues auftaucht, der uns plötzlich wieder das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein.
Denn vielleicht sitzt dieser besondere Mensch schon seit Jahren neben uns auf der Couch.
Nur haben wir irgendwann aufgehört, genau hinzusehen.

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