Bei „Midlife Crisis“ denken viele an rote Sportwagen, Affären und spontane Entscheidungen, bei denen sich die eigenen Freunde fragen: Was ist denn jetzt mit ihr oder ihm los?
Ich denke mir: Vielleicht ist die Midlife Crisis gar nicht automatisch eine Krise. Vielleicht entsteht da einfach plötzlich Raum. Und die spannende Frage ist: Was machen wir mit dem?
Die bekannte Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow beschreibt – ganz vereinfacht – verschiedene Ebenen menschlicher Bedürfnisse. Unten stehen die Grundbedürfnisse: essen, schlafen, ein Dach über dem Kopf haben. Darüber kommen Sicherheit, Beziehungen und Anerkennung. Und ganz oben steht die Selbstverwirklichung: Wer bin ich? Was kann ich? Was möchte ich aus meinem Leben machen?
Das ist keine Gebrauchsanleitung fürs Leben, bei der wir alle brav Stufe für Stufe hinaufklettern. Aber der Gedanke leuchtet mir ein: Solange ich damit beschäftigt bin, die Basis abzusichern, bleibt oft wenig Platz für die großen Fragen.
Und irgendwann ist bei vielen vielleicht der Job halbwegs gesichert, das Zuhause aufgebaut und der Alltag eingespielt. Die Kinder sind vielleicht schon so groß, dass sie nicht mehr rund um die Uhr Betreuung brauchen. Das Leben ist natürlich noch immer voll. Aber da ist auf einmal auch Zeit, die vorher kaum da war.
Was mach ich jetzt damit?
Verplempere ich sie einfach mit Alltag? Das funktioniert nämlich ganz wunderbar. Netflix da, Handyspiel dort. Und vielleicht noch ein oder zwei Bierchen an der Tankstelle, damit man nicht gleich heim muss. Man kann sich die Zeit schon zuverlässig vollstopfen, ohne dass man dafür besonders kreativ sein muss.
Oder nutze ich diese vermeintliche Krise, um meinem Leben einen neuen Sinn zu geben?
Gott, klingt das hochgestochen. Wie Paul Pizzera und Otto Jaus sagen würden: „Einen Scheiß muss ich geben.“
Nein, ganz ehrlich: Ich muss meinem Leben nicht gleich einen komplett neuen Sinn verpassen. Aber ich darf mich fragen, was mir guttut. Was ich gern mache. Und worauf ich mich freue, wenn der Pflichtteil des Tages erledigt ist.
Ich fahre jetzt stundenlang Rennrad
In meiner Midlife Crisis habe ich mit dem Rennradfahren und Sporteln angefangen. Stundenlang am Rennrad sitzen, Kilometer machen, nach Hause kommen und mich freuen, dass ich mich am nächsten Tag wieder auf den Sattel setze.
Was denkt sie sich eigentlich dabei? Hat sie nichts Besseres zu tun?
Ganz ehrlich: Nein.
Die Bügelwäsche ist für mich nichts Besseres. Der Garten auch nicht. Und ewig lange Kaffeehaussessions sind zwar nett, aber ich muss nicht jede freie Stunde dort verbringen.
Ich hab mir sogar ein Hobby mit meinem Mann gemeinsam gesucht. Ich hab’s vorher mit gemeinsamen Netflix-Serien probiert. Das war immer ungut, wenn ich dann allein weitergeschaut hab. 😉
Rennradfahren dagegen kann ich mit ihm machen, allein oder mit jemand anderem. Und während man fährt, kann man so herrlich reden. Oder einmal gar nichts sagen und den Kopf durchlüften. Beides tut gut.
Und plötzlich ist da etwas, das nur mir gehört – und gleichzeitig etwas, das ich mit meinem Mann teilen kann. Nicht, weil wir müssen. Sondern weil es uns beiden Spaß macht.
Weniger Peoplepleaser. Mehr Veronika.
Generell merke ich, dass ich mit dieser Midlife Crisis immer öfter drauf sch…e, was andere denken oder sagen. Für mich ist das eine positive Errungenschaft. Mein zweiter Vorname war schließlich Veronika-peoplepleaser Lafer.
Heißt das, dass mir alle Menschen egal geworden sind? Nein. Aber ich überlege öfter: Will ich das wirklich – oder mach ich’s nur, damit niemand enttäuscht ist?
Hab ich dadurch meinen Freundeskreis dezimiert? Jap. Das liegt allerdings auch daran, dass ich keinen oder kaum noch Alkohol trinke. Aber das ist ein eigenes Thema.
Ich glaube, wir müssen nicht in Panik verfallen, wenn wir in der Lebensmitte plötzlich Dinge anders sehen. Vielleicht ist das nicht der Beweis, dass mit unserem Leben etwas falsch läuft. Vielleicht merken wir einfach, dass wir noch da sind – mit eigenen Wünschen, Ideen und einer ziemlich klaren Meinung zur Bügelwäsche.
Und wenn wir ungefähr die erste Hälfte unseres Lebens hinter uns haben, liegt da im besten Fall noch eine ganze Hälfte vor uns. Von der ersten können wir uns oft nicht einmal mehr an alles erinnern. Wer weiß noch genau, was in der dritten Klasse am Dienstag los war? Eben. Wir haben also noch verdammt viel Zeit. Nicht nur zum Funktionieren und Existieren. Zum Leben.
Die anderen bitte mitnehmen
Bei aller Selbstfindung sollte man aber nicht vergessen, den Partner und die Familie mitzunehmen. Nicht jede Veränderung, die ich gerade durchmache, hat automatisch mit ihnen zu tun. Manchmal brauche ich einfach mehr Zeit für mich. Manchmal bin ich nachdenklicher. Manchmal bin ich grantiger, ohne dass jemand etwas falsch gemacht hat.
Bei uns haben sich dafür Codewörter etabliert. Gerade weil diese Zeit bei mir auch mit ein paar Stimmungsungereimtheiten daherkommt. Ein Codewort kann helfen, kurz zu sagen: Achtung, bei mir ist gerade etwas los – aber du bist nicht automatisch schuld.
Das nimmt nicht jedes Missverständnis weg. Aber es erinnert uns daran, miteinander zu reden, statt einander die Gedanken erraten zu lassen.
Vielleicht ist genau das meine Midlife Crisis: mehr Rennrad, weniger Peoplepleasing, neue Fragen und zwischendurch die Erinnerung, dass meine Familie nicht meine Gedanken lesen kann.
Wenn das eine Krise ist, dann feiere ich sie. Ich muss ihr keinen großen Sinn geben. Ich muss nur aufpassen, dass ich meine Zeit nicht ausschließlich mit Dingen fülle, die sich halt so ergeben.
Denn ich hab noch verdammt viel Leben vor mir.
Und ich hab vor, es zu leben.

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